Ukrainische Landwirtschaft
zwischen Krieg und EU-Beitritt

Seien Sie herzlich willkommen zu Thementag der Leipziger Ökonomischen Societät. Folgende Fragen stehen im Fokus dieser Veranstaltung:

  • Wie produziert die ukrainische Landwirtschaft unter Kriegsbedingungen?
  • Welche Entwicklungen gibt es – welche Strukturen haben sich herausgebildet?
  • Wie stellen sich die Verflechtungen und die Relevanz für den internationalen Agrarhandel und die Weltmärkte dar?
  • Perspektive EU-Integration: Warum und wie?

Freuen Sie sich mit uns auf einen spannenden und informativen Nachmittag unter unserem Motto:

Faktenbasierter Austausch, Impulse und Lösungsvorschläge 
zur Landwirtschaft und zum ländlichen Raum in Mitteldeutschland

Einladung und Programm herunterladen... 


Programm

Begrüßung, Einführung und Moderation

Dieter Künstling, Vorstand Leipziger Ökonomische Societät e.V.
Prof. Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Institutes für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle und Sprecher des Beirates der Leipziger Ökonomischen Societät e.V.

Hauptvortrag
Dr. Alex Lissitsa, Präsident des Ukrainian Agribusiness Club, Verwaltungsratsvorsitzender der IMC S.A.

Fachbeitrag aus der Sicht …

  • der Wissenschaft
    Dr. Taras Gagalyuk, Leibniz-Institutes für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle
  • eines deutschen Landwirts in der Ukraine
    Markus Schütte, Hawest-agro GmbH

Fachdiskussion und Schlussfolgerungen

Credo und Ausblick


Ein kurzes Credo

Vor ca. 60 Interessierten aus landwirtschaftlichen Unternehmen, Wissenschaft und Agrarverwaltung, Agrarpolitik fand die oben genannte Veranstaltung statt.

Unter dem Motto „Informationen aus erster Hand“ haben drei in der Ukraine tätige Experten, die mit ihren persönlichen Erfahrungen und Netzwerken in der Ukraine über sehr profunde Kenntnisse zu der aktuellen Situation und anhand aktueller Analysen zur Situation der Landwirtschaft in der Ukraine und damit verbundener Auswirkungen auf die Stabilität der ukrainischen Wirtschaft insgesamt, aber auch Auswirkungen auf internationale Agrarmärkte und den Prozess der Annäherung der Ukraine an die EU drei Vorträge gehalten und damit zu dem Leitthema des Thementages eine umfangreiche Diskussionsgrundlage übermittelt. Die Vorträge und dazu geführten Diskussion, verbunden mit einem weiteren Austausch evidenzbasierter Fakten, haben allen Anwesenden einen kleinen, aber sehr fundierten, aktuellen Einblick in die Vielschichtigkeit, insbesondere Schwierigkeiten, aber auch das enorme zukünftige Potenzial der Landwirtschaft in der Ukraine vermittelt.

Dr. Alex Lissitsa, Präsident des ukrainischen Agribusiness Club, aber auch Verwaltungsvorsitzender eines ukrainischen landwirtschaftlichen Großbetriebes informierte sehr detailliert über folgende Fakten:

  • Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzfläche von 28,4 Mio. ha im Jahre 2021 auf 22,7 Mio. ha im Jahre 2025.
  • aktuelle Kostensituation in den Betrieben mit dem Hinweis, dass durch Kriegseinfluss, Logistikprobleme, eingeschränkte Arbeitskräfteverfügbarkeit derzeit nicht kostendeckend produziert werden kann.
  • Fast verdoppelt haben sich die Kosten für Produktionsinputs zwischen dem Jahr 2020 und 2025.
  • Dynamik der Veränderungen der Exporte und dass die Exporte derzeit auch unter einem enormen Kostendruck bei Erfassung, Logistik und Vermarktung stehen.

Er verwies in der Diskussion dazu, dass offene Fragen zur Integration der ukrainischen Landwirtschaft in die EU faktenbasiert analysiert werden sollten und in einem Dialog mit der EU, aber auch insbesondere mit den europäischen Landwirten nach Lösungswegen gesucht werden sollte. Dabei ging er davon aus, dass derartige Lösungswege sicherlich schrittweise zu projektieren sind.

Er lud die anwesenden Interessierten, aber insbesondere auch die ostdeutschen Großbetriebe zu einem gemeinsamen Dialog und Lobbyarbeit ein. Der ukrainische Agribusiness Club hat ein ständiges Kontaktbüro in Brüssel zur EU und ist Mitglied im Weltverband der Großbetriebe, an dem weder ein deutsches Unternehmen noch ein anderes europäisches Unternehmen Mitglied ist. Herr Dr. Lissitsa würde sehr begrüßen, wenn ostdeutsche Unternehmen sich an der internationalen Lobbyarbeit konstruktiv beteiligen würden.

Taras Gagalyuk vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in (IAMO) gab eine profunde Übersicht über die aktuellen Strukturen und Tendenzen zur Entwicklung der ukrainischen Landwirtschaft.

Vor dem Hintergrund umfangreicher analytischer Erfahrungen in der Ukraine, aber auch in Deutschland und als zeitweiliger Mitarbeiter der Weltbank verwies er auf folgende Fakten:

  • Verluste im Agrarsektor durch Krieg 11,2 Milliarden Euro
  • indirekte Verluste (direkte Schäden) 72,7 Milliarden Euro
  • 20 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen (ca. 5 Mio. ha) vermint oder anderswertig nicht nutzbar
  • negativer Beitrag des Landwirtschaftssektor zum BIP-Wert (minus 7,3 % 2024)
  • Rückgang der ländlichen Bevölkerung um 22 % (3,5 Mio.)

Um sich mit der Situation in der Ukraine zu beschäftigen, wies er auf die folgenden besonderen Strukturen der Landwirtschaft in der Ukraine.

Tabelle Betriebstypologien:

Kategorie

Größe

Beschreibung

Haushaltswirtschaft

1 bis 4 ha

auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet, insgesamt ca. 5 Mio. ha

Klein

bis 150 – 200 ha (manchmal bis 500 ha)

auf lokale und regionale Märkte ausgerichtet, hohe Arbeitsintensität und diversifizierte Produktion, Nischen in höherwertigen Marktsegmenten

Mittelständig

200 (500) – 10.000 ha

verbinden Elemente intensiver und extensiver Produktion, bedienen Binnen- und Exportmärkte

Groß

über 10.000 ha

dominieren die Exportproduktion wichtiger Kulturpflanzen, setzen moderne Technologien aktiv ein, haben Zugang zu internationalen Kapitalmärkten

Er verwies abschließend, dass die Betriebsstruktur der Ukraine „kein Ausnahmefall eines falschen Modelles“ ist, sondern das Ergebnis spezifischer historischer Entwicklung, was nicht ausschließt, dass sie sich zu wettbewerbsfähigen Unternehmen im EU-Kontext entwickeln müssen.

Von besonderem Wert war der Situationsbericht eines deutschen Landwirts aus dem Weserbergland. Markus Schütte, Inhaber der ukrainischen Firma Hawest-Agro GmbH in der Westukraine, berichtete über den im Jahr 2004 vollzogenen Start. Mit ca. 500 ha in den ersten Jahren, nunmehr 5.000 ha Marktfruchtbau verfügt Herr Schütte und seine Familie als ukrainischer Landwirt, aber eben auch mit unternehmerischen Erfahrungen in seiner Heimat Deutschland über eine differenzierte Beurteilungsfähigkeit zur Entwicklung der ukrainischen Betriebe und deren Zukunftsperspektiven. Derzeit erwirtschaftet er in seinem Marktfruchtbetrieb durchschnittlich über 9 t Getreide/ha.

Er berichtete weiter über die enorme Leidensfähigkeit der Menschen in der Ukraine während des Krieges, deren Optimismus und hohe Leistungsbereitschaft und der enormen Solidarität untereinander in der Ukraine, aber auch von außen in den Anfangsjahren des Krieges.

Breiten Raum nahm innerhalb der Diskussion der Bodenmarkt ein. Alle drei Experten verwiesen darauf, dass entgegen abweichenden Meinungen in Europa und in den Medien es Tatsache ist, dass ausländische natürliche Personen und Unternehmen keinen Zugang zum Bodenmarkt in der Ukraine haben.

Zu den Zukunftsaufgaben seines Betriebes, aber auch ukrainischer Unternehmen sieht er folgende Schwerpunkte:

  • Investitionen in erneuerbare Energien
  • Investitionen in Vermarktung und Verarbeitung
  • Lösung der Personalnotprobleme und Zahlung wettbewerbsfähiger Löhne

Den EU-Beitritt versteht er auch als Chance für europäische Sicherheit, als weiteren positiven Effekt für die Korruptionsbekämpfung und Etablierung gleicher Regelungen im Wettbewerb der Unternehmen in Europa. In der Diskussion, die auch von Prof. Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Institutes für Agrarentwicklung und Transformationsökonomien und Sprecher des Beirats der Societät, geleitet wurde, gab es neben kritischen Stimmen auch sehr viele Meinungen, dass es eigentlich zu einem Beitritt der Ukraine in die EU wenig Alternativen gibt. Die Teilnehmer waren sich dazu einig, dass ein Dialog zwischen den unterschiedlichen Teilnehmern dieses Beitrittsprozesses dringlich nötig ist und möglicherweise auch im Kontext mit der Neuregelung der EU-Beihilfen ab dem Jahr 2028 folgen sollte. Die bisherigen Planungen betreffen ja auch vorrangig Betriebe in Ostdeutschland, die sich gegebenenfalls aktiv an dieser Diskussion beteiligen sollten.

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Wann?

Montag, den 01. Juni 2026
15:00 - 18:00 Uhr

Wo?

Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig

Goerdelerring 5 in 04109 Leipzig, Konferenzraum EG